Worship To Go

Das Leben wird immer schneller. Das ist an sich keine neue Information, mir ist es nur von Dieter Nuhr bei seinem Jahresrückblick 2009 ganz neu vor Augen geführt geworden. In früheren Jahren schien man einfach mehr Zeit zu haben. Heute muss alles schnell-schnell gehen, noch nicht einmal mehr schnell. Ein besonders drastisches Beispiel für die sich immer mehr beschleunigende Welt ist die Kaffeekultur. Während man in den Anfängen noch gemütlich im Kaffeehaus saß und sich genüsslich seinem Wiener Melange widmete, noch die Zeit hatte seine Jacke an die Garderobe zu hängen, ein stück Torte zu verzehren und in Ruhe den Kulturteil der FAZ durchforsten konnte, so kamen doch recht zügig die unsäglichen Stehkaffees auf, in die man sich nur noch begab, um in aller Eile eine Tasse schwarzen Filterkaffe – eher eine dürre Plörre, denn ein vollmundiger, wohl duftender Kaffee – in sich hinein zu kippen und nebenbei ein Teilchen hinunter zu würgen, wobei man sich der Jacke dabei nicht entledigte und selbst die Bildzeitung keines Blickes würdigte (ok, die Dame auf der erste Seite vielleicht noch).

Wer jetzt dachte, das Ende der Abwärtsspirale des guten Geschmacks wäre damit erreicht, der wurde dann doch bald eines besseren belehrt. Aus dem fernen Amerika schwappte eine neue Welle zweifelhafter Innovationen auf den alten Kontinent: „Coffee To Go“. Dabei wurde selbst der schlecht gereinigte Stehtisch weg rationalisiert und die Tasse gegen einen Pappbecher mit Schnabelansatz ersetzt. Diese trug man also von da an mit sich herum, als deutlich sichtbares Zeichen jetzt auch Teil der modernen Kommunikationselite zu sein (Die Tatsache, dass meine Kinder sich inzwischen standhaft weigern aus einer Schnabeltasse zu trinken scheint dann doch kein Zeichen einer natürlichen Entwicklung zu sein – Ich muss mir wohl doch Sorgen machen).

Was hat das alles jetzt mit Lobpreis zu tun?

Nun, im Lobpreis haben wir eine ähnliche Entwicklung mitgemacht. Während wir in den Anfangszeiten meiner bewussten Lobpreiswahrnehmung noch gesittet in Reihen saßen und die schönen Lieder aus Liederbüchern, in aller Demut und Andacht, aber doch gemeinsam unserem Herrn darbrachten, so musste ich bei meinem Wechsel in eine charismatische Gemeinde feststellen, dass dort – es ist eine junge Gemeinde – die Lieder vornehmlich stehend gesungen wurden und dazu noch nicht einmal mehr aus gebundenen Liederbüchern sondern von einem durch Overheadprojektoren an eine Wand projezierten Text, ohne Noten (inzwischen gibt es sogar Gemeinden die einen Beamer nutzen). Meine neue Gemeinde hatte also schon das Entwicklungsstadium des Steh-Lobpreises erreicht. Da hörte aber die Entwicklung nicht auf. Inzwischen kann man Lobpreis – und hier muss der geneigte Leser jetzt kurz inne halten, die Augen schließen und sich kurz auf das Entsetzliche einstellen – in konservierter Form auf tragbaren Abspielmedien erhalten und so auf dem Weg, quasi „To Go“, Lobpreismusik hören. Keine stille Andacht, kein Widerhall der Orgelklänge von den Wänden eines sakralen Kirchengebäudes. Nein, Lobpreis in der Isolation der Kopfhörer, im Shuffle-Mode sogar mit Zufallswiedergabe, damit es auch ja nicht langweilig wird. Was wird uns die Moderne in Zukunft noch bringen? Wohin soll das alles noch führen? Lobpreis in Twitter-Länge mit maximal 140 Zeichen? Lobpreis 2.0 mit Kommentarfunktion als Mashup? Kann ich bald Gott als Freund bei Facebook hinzufügen und meinen Lobpreis an seine Pinnwand posten?

Ich befürchte das Schlimmste.

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