Urlaubserkenntnisse

Cassis

Die französische Mittelmeerküste bei Cassis

Gibt es eine bessere Zeit, um sich den wirklich gewichtigen Themen des Lebens gedanklich zu widmen, als die entspannte Ruhe eines Sommerurlaubs, zumal noch unter Schatten spendenden Pinien auf einem Campingplatz an der malerischen Küste der Cote Bleue? Wohl kaum.

Hier, wo das Wort Mittagspause wirklich noch mit Inhalt gefüllt ist und Hektik nur dann auftritt, wenn ein Rudel deutscher Fußballfans beim WM-Finale zeitgleich ein Bier bestellt. Hier kommt man wirklich noch zur Ruhe und wird beim Nachdenken nicht durch die dauerhafte Untermalung des Smartphone Signaltons gestört.
In dieser Stille und Abgeschiedenheit dufte ich wertvolle Erfahrungen machen und über Rückschlüsse für mein Leben nachdenken. Dies sind einige der Erkenntnisse.

Fremdsprachen
In den Jahrtausenden menschlicher Wanderschaft hat es sich zu einem guten Ritual entwickelt wenigstens ein paar Brocken der Sprache des Landes zu erlernen, das man zu Bereisen gedenkt. Wichtige Worte wie „Danke“ und „Bitte“, sowie lebensnotwendige Floskeln wie „Wo ist die Toilette“ sollte jeder Reisende in der benötigten Fremdsprache beherrschen. Es ist nicht nur eine Frage der Höflichkeit, es eröffnet auch Türen der Freundschaft, wenn man seine Grundbedürfnisse in der Sprache des Gastgeberlandes ausdrücken kann.

Darüber hinaus ist das Beherrschen einer weiteren, allgemein gebräuchlichen Universalsprache, auf die sich die Menschheit immer wieder geeinigt hat, ebenso hilfreich. Im Altertum waren es Griechisch, oder auch Latein. Im Mittelalter sprach man Französisch und im IT Zeitalter hat sich immer mehr Englisch durchgesetzt.

Auf Campingplätzen dagegen hat sich eine andere Sprache als Lingua Franca heraus kristallisiert. Hier, wo man sich ungeniert nur mit einem Handtuch bekleidet auf den Wegen freundlich grüßt und interessiert die Ausrüstung des Nachbarn inspiziert, hat sich Niederländisch als die beherrschende Sprache etabliert. Dies mag unter anderem damit zusammen hängen, dass pünktlich zum niederländischen Ferienbeginn zahllose gelbe Nummernschilder die Stellplätze der Campingplätze dieser Welt bevölkern. Es ist also von Vorteil neben dem Wörterbuch des Urlaubslandes auch das Niederländisch-Wörterbuch mit sich zu führen, sollte das Ziel der Urlaubsreise ein Campingplatz sein.

Körperbemalung
In diesem Urlaub ist mir schlagartig bewusst geworden, dass ich in einer Menschenmenge nicht mehr zu den Jüngsten gehöre. Es gibt eine Menge jüngerer Menschen, die die Plätze, Straßen und Schwimmbäder dieser Welt bevölkern. Es ist die Körperbemalung, oder die Tatoos, wie man sie heutzutage nennt, die mich darauf aufmerksam gemacht hat.

In meiner Generation viel ein Mensch mit einem Tatoo noch auf, galt als rebellisch und nicht dem spießigen Mainstream angehörig. Heute hat sich das Bild gewandelt. Ich, als alter Sack, falle durch die fehlende Farbe an meinem Körper als nicht der jugendlichen Generation zugehörig auf.

Und was es da alles zu sehen gibt. Da ist kein Körperteil, das ausgenommen ist, kein Motiv, das man nicht zu sehen bekommt. Angefangen beim immer noch nicht aus der Mode gekommenen Arschgeweih, hin zu Ornament verzierten Oberarmen, dem Gesicht der Freundin auf der starken Männerbrust, den asiatischen Schriftzeichen auf der Schulter, den arabischen um den Oberschenkel herum.

Persönlich habe ich mich mit dem fortschreitenden Alterungsprozess meines Körpers abgefunden und mich dazu entschieden dem in Puncto Körperbemalung nicht entgegen zu wirken. Ich werde weiterhin meinen unbemalten Körper zur Schau stellen und mich damit selbstbewusst als über 40 Jähriger und Spießer zu erkennen geben. Das bin ich mir, meinem Alter und meiner Doppelhaushälfte in einem Neubaugebiet schuldig.

Biolärm
Ich bin im Ruhrgebiet groß geworden, die A40 in Blick- und Hörreichweite. Somit war das leise Rauschen einer der am dichtesten befahrenen Autobahnen der Republik mein ständiger Begleiter. Es war mein Wiegenlied am Abend und meine Morgensymphony beim Aufwachen.

Nun mag der eine oder andere, der nicht das Vergnügen hatte in der großen Stadt aufzuwachsen, anmerken, dass dieser Lärm doch alles andere als schön, wenn nicht sogar schädlich sei. Diesem Mitbürger möchte ich an dieser Stelle widersprechen und ihm den Lärm der Natur entgegen halten. Wer schon einmal unter einem Baum, bevölkert von ganzen Scharen von Zikarden, gesessen hat, der weiß wovon ich spreche. Eine kleine Hörprobe gefälligst? Bitte schön.

Wer diesem Lärm länger als fünf Minuten ausgesetzt ist, der steht nicht nur in der Gefahr seines Hörvermögens verlustig zu werden, er sehnt sich vielmehr die Lärmschutzmauer freie Idylle des Ruhrgebiets zurück, das feine Rauschen des Schwerlastverkehrs und des fast schon ausdifferenzierten Aufheulens eines gerade beschleunigenden Motorrads.

Wer auch immer von einem romantischen Zirpen in lauer Abendluft geträumt hat, der sei eines besseren belehrt. Die Natur ist laut. Die Natur ist in der Lage unsere Ohren nachhaltig zu schädigen. Die Natur ist nicht immer das, was man ihr in den verklärten Gedichten zuschreibt. Die Natur ist grausam.

Ich hoffe, das meine Erkenntnisse für den einen oder anderen hilfreich waren.

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