Kapitel 8 – Ein guter Tag

„Jetzt sag doch auch mal was!“

Es war die Stimme meiner geliebten Ehefrau, die da urplötzlich an mein Ohr drang. Komisch, ich war in keinster Weise verwundert, dass ich nicht mehr auf dieser wunderschönen Parkbank saß, sondern wieder an unserem Küchentisch, die Tasse Kaffee in der Hand haltend, den Blick versonnen aus dem Terrassenfenster in meinen Garten gerichtet. Der Rasen müsste mal wieder gemäht werden und die Hecke hätte ich auch schon vor Wochen schneiden müssen. Aber heute regnete es. Damit war ich dieses Wochenende von der Gartenarbeit befreit. Bei Regen mäht man keinen Rasen. Glück gehabt.

Ich nahm noch einmal einen langen, genussvollen Schluck aus meiner Tasse. Der Kaffee schmeckte herrlich, weich mit einer leicht schokoladigen Note im Abgang. Ja, dieser Kaffee, den ich heute Morgen zubereitet hatte, war mir wirklich gelungen. Ein Meisterwerk, für das ich mich erstmal selber loben musste. Wunderbar. Mit dem Ergebnis dieser Arbeit meines beginnenden Wochenendes überaus zufrieden stellte ich die Tasse wieder auf den Küchentisch zurück.

„Habe ich heute Morgen wirklich nur ein Brötchen gekauft?“, war meine Frage.

Ich blickte in drei völlig verwunderte Augenpaare. Konnte es wirklich sein, dass ich der einzige Mensch mit einem Funken Verstand in dieser Familie war? Es war keiner auf die Idee gekommen diesen sinnlosen Streit um die richtige Hälfte des Brötchens dadurch zu schlichten, in dem jedes Kind ein eigenes Brötchen bekam? Nein, dafür musste der Herr des Hauses aus seinen Träumen gerissen werden. Dies war also meine Bestimmung. Salomonische Urteile in scheinbar unlösbaren Konflikten sprechen. Ich, der Hüter des Rechts in dieser Familie.

Da war ich also wieder. Zurück aus dem Paradies grenzenloser Möglichkeiten, hinein in meine kleine, beengte Welt mit den alltäglichen Streitigkeiten, den Brötchenkrümeln auf dem Fußboden und den halb aufgegessenen Mahlzeiten.

Was auch immer ich in den letzten, gefühlten zwei Stunden erlebt hatte, es gehörte in eine andere Welt. Schade eigentlich. Ich hatte die meiste Zeit benötigt, um mich dort einzuleben, meine Zwänge abzulegen und endlich zu genießen. Und doch bereute ich keine Minute, keinen meiner inneren Kämpfe, die viel zu kurze Zeit des Genusses. Es waren diese wenigen Sekunden, die mir mehr Wert waren, als die möglichen Stunden des Zeitvertreibs im Fitness Center, im Kaufhaus, oder im Cafe.

„Darf ich auch Nutella auf dem Brötchen haben?“, war die nächste Frage meines Stammhalters.

„Das kommt darauf an, ob du es dir leisten kannst.“.

Verwirrt blickte mich der jungen Mann an und versuchte in meinem völlig teilnahmslos drein blickenden Gesicht zu ergründen, wie ich das nun wieder gemeint haben könnte.

Natürlich habe ich von meinen Kindern noch nie einen Kostenbeitrag zur täglichen Verpflegung eingefordert. Ich konnte mich auch an keinen einzigen Augenblick in der, zugegeben etwas kurzen, Zeit meiner Vaterschaft erinnern, in der ich meinem Nachwuchs den wohl besten Brotaufstrich der Welt an einem Samstag Morgen verwehrt hätte. Noch so eine völlig überflüssige Frage.

Hatte denn niemand in dieser Familie Erbarmen mit einem Vater, der die ganze Woche schon mit überflüssigen Fragen überhäuft wurde und gerne an seinem Wochenende etwas Ruhe und Entspannung haben möchten? Hätte ich nicht soeben in einer anderen Welt tiefgreifende philosophische Erkenntnisse erlangt, ich wäre spätestens in diesem Moment aus der Haut gefahren und hätte meine Familie in einem längeren und sehr energischen Vortrag daran erinnert, dass mich diese Frühstückerlebnisse nahe an einen Nervenzusammenbruch hätte bringen und was das für Auswirkungen für das fragile Gleichgewicht in unserem Haushalt hätte haben können.

So blieb ich erstaunlich ruhig und gelassen, schnappte mir ein Brötchen aus der offen vor mir liegenden Papiertüte, schnitt es wortlos auf und machte mich daran Butter und das soeben verlangte Nutella auf der, von meinem Sohn bevorzugten, unteren Seite des Brötchens aufzutragen und danach auf dem vor ihm stehenden Teller zu platzieren.

Das Frühstück konnte also weiter gehen. Meine Frau und meine Tochter wandten sich wieder ihren Brötchenkreationen zu, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ihr gestresster Ehemann und Vater gerade eine Chance hat verstreichen lassen, sich über die ignoranten Familie aufzuregen. Ich dagegen genoss diesen Moment in vollen Zügen. Ich hatte mich einmal selbst im Griff. Ein tolles Gefühl. Dieser Tag schien ein wirklich guter Tag zu werden. Nichts konnte mich jetzt noch aus der Ruhe bringen. Ich war mit mir und meiner Welt im Reinen. Niemand konnte mich in meinem Selbstverständnis erschüttern. Selbst mein kleiner Sohn nicht.

Ende

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