Kapitel 7 – Zum Park

Ich machte mich also auf den Weg in Richtung Park. Was sollte mir jetzt noch im Weg stehen? Eintritt würden sie sicherlich nicht verlangen, einen Dresscode konnte ich mir dort auch nicht vorstellen. Es war ein Park, einfach nur ein Park. So langsam war ich auch der inneren Zwiegespräche müde und freute mich auf einige unbeschwerte Momente. Ehrlich gesagt waren auch meine Ansprüche an die Zeit im Park enorm gesunken.

Ich erwartete keinen heißen Flirt mit einer jungen Joggerin, hoffte statt dessen nur darauf, dass dort nicht zu viele Hunde frei herum liefen. Ich erwartete dort auch kein tief schürfendes philosophisches Gespräch mit einem weisen, alten Mann auf einer Parkbank, ich hoffte einfach nur auf ein ruhiges Plätzchen, an dem man mich nur in Ruhe ließ. Ich wollte keine Ansprüche an die Situation stellen und hoffte darauf, dass keine Ansprüche an mich gestellt würden. Ich wollte einfach nur da sein und die Zeit genießen, die mir noch blieb. Das konnte eine sehr lange Zeit sein, aber auch nur einige Minuten. Ich wusste es nicht und es interessierte mich auch nicht mehr. Wenn man so viele Enttäuschungen erlebt hat wie ich in den letzten Augenblicken, dann wird man bescheiden. Notgedrungen.

Endlich war ich bei mir selber angekommen. Alle Ideale, alle Träume und Illusionen waren in den letzten Momenten von mir abgefallen. Ich war mir im Klaren darüber wer ich war und was ich von mir selber erwarten konnte.

Ich war kein cooler Typ, kein sportlicher Held. Ich war weder mutig noch weltmännisch. Ich war weder südländisch lässig, noch besonders kreativ. Ich war ein Durchschnittstyp, der Konflikten aus dem Weg ging und sich viel zu viele Gedanken darüber machte, wie er auf andere wirkte. Ob andere mich wirklich so sahen, wie ich es mir in meinen wilden Selbstgesprächen vormachte, ob überhaupt jemand von mir Notiz nahm, oder ob ich mir das alles nur einbildete, wer konnte das schon mit Gewissheit sagen. Und in diesem einen Moment der Erkenntnis war ich wirklich frei. Frei und unendlich glücklich.

Jetzt konnte mir nichts mehr passieren. Jeder weiteren Begegnung konnte ich vollkommen gelassen entgegen sehen. Und auch meine eigenen Ansprüche konnten nicht mehr enttäuscht werden. Ich musste mir nichts mehr beweisen. Ich musste keine großen Taten mehr vollbringen, um mich gut zu fühlen. Ich könnte mich einfach nur so auf die Mitte einer Wiese stellen und völlig idiotisch grinsend eine weiter entfernten Baum anstarren und es wäre ein großartiger Augenblick. Vielleicht sogar der beste Moment seit Jahren.

Ich schlenderte versonnen über die Kieswege, bewunderte die schönen, alten Bäume, die mir Schatten spendeten und die kunstvoll angelegten Blumenbeete. Ich beobachtete die Hundehalter, die mit ihren Hunden Kunsttückchen einübten und zollte ihnen Respekt, wenn das Kunststück auch wirklich gelang. Ich freute mich mit den verliebten Paaren, die engumschlungen ihre junge Liebe zeigten. Ich schmunzelte über die jungen Väter, die mit ihren Kindern auf der großen Wiese Fußball spielten und sich in Zeitlupe als Torwart fallen ließen, damit der Ball auch wirklich ins Tor kullerte und der Nachwuchs ein Erfolgserlebnis für sich verbuchen konnte.

Ich hatte keine Termine und auch keine volle ToDo-Liste, die es abzuarbeiten galt. Ich hatte auch nicht das Gefühl meine Zeit mit nutzlosen Aktivitäten zu vertrödeln. Ich ließ mich einfach treiben, folgte keinem inneren Plan und hatte nach ein paar Minuten auch kein Gefühl mehr dafür, wo ich mich in diesem Park befand. Ich war einfach an den unterschiedlichen Weggabelungen mal dem einen, mal dem anderen Weg gefolgt. Hatte mich einmal mit einer größeren Gruppe mitziehen lassen und das andere mal den Weg gewählt, der mich einsam durch einen engen Trampelpfad hindurch führte.

Der Park erschien mir riesig. Mal waren die Wege labyrinthisch verzweigt angelegt, dann wieder taten sich weitläufigen Wiesen auf, mal dominierten streng organisierte Beete, symmetrisch, rechtwinkelig, strukturiert und dann auch wieder geheimnisvoll verwilderte Waldabschnitte, überladen, unheimlich, scheinbar dem wilden Trieb der Natur überlassen. Meine Augen konnten sich kaum satt sehen und doch wirkte das ganze Ensemble auf mich beruhigend.

Schließlich entdeckte ich eine freie Parkbank unter einem alten Kastanienbaum. Und es war die perfekte Parkbank für mich. Sie war frei, nicht übersät mit den Hinterlassenschaften der zahlreichen Vögel, stand direkt an einem mäßig frequentierten Weg, so dass man genügend Abwechslung durch die vorbei flanierenden Menschen bekommen würde und war durch den nebenan stehenden Baum ausreichend mit Schatten versorgt, wobei der eine oder andere Sonnestrahl sich durch das nicht ganz dichte Blätterdach hindurch mogeln und den Körper vorsichtig wärmen konnte. Etwas müde setzte ich mich darauf und sah die Sonne, deren Strahlen, durch die sich leicht im Wind wiegenden Äste, hindurch schienen und dabei sanft auf meinem Körper hin und her tanzten. Ein leichter Wind kühlte meine Haut. Ich lehnte mich an und schloss die Augen. Mein Pulsschlag wurde langsamer, die Muskeln entspannten sich. Die Gedanken in meinem Kopf wurden immer leiser, es begann sich eine sanfte und beruhigende Stille breit zu machen. Ich fühlte mich seltsam leicht, fast schon schwerelos.

Konnte es einen schöneren Moment als diesen geben?

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